Eine Arbeits-, oder Zirkus-, oder Flugbahn für Improvisatoren und Musiker, um dort Erfahrung und Nichtwissen jonglieren zu lassen...
Diese beiden haben sich gefunden. Der eine hatte gerade seine schottische Heimat verlassen, um deutsche Literatur zu studieren. Der andere war 17 Jahre alt, arbeitete an seiner Oboe und übte sich in Pantomime und Tanz. Die Begegnung fand in einer Pension in Zürich statt, der Geburtsstadt des Dadaismus - was kein Zufall sein kann. Erste Aufführung, erster Skandal: Bei einer Schuljahresabschlussfeier im Saal einer kleinen Landgemeinde ließ Marthaler Valentine nur mit einem alten Bettlaken bekleidet herein und ließ ihn in lasziven Posen vor dem Pfarrer und seiner Gemeinde ein Lied von Marlene Dietrich vortragen. Das war im Jahr 1970. Haben sich die beiden 50 Jahre später so sehr verändert? Valentine hat ihr Studium beendet und "ihren Clown gefunden", wie die Schauspieler sagen: Ob als Sprachlehrer (ein Beruf, den er tatsächlich ausgeübt hat), als trockener, in Provokationen erfahrener Sänger-Deklamator oder als Zeremonienmeister, der die Besucher durch die Installationen seines Kumpels in die Irre führt - seine faszinierende Bühnenpräsenz, seine langgestreckte Silhouette mit dem durchdringenden Blick, seine stolze, plötzlich von Krämpfen durchzogene Unbeweglichkeit haben ihn zu einem der vertrauten Geschöpfe einer Theaterwelt gemacht, die zu den originellsten unserer Zeit gehört. Marthaler seinerseits wurde unbeirrt zum Schöpfer einer Bühnenpoesie, die die Codes auf den Kopf stellte, die Zuschauer verzauberte und sich weiterhin jeder Beschreibung entzieht, eine Art Neo-Surrealismus auf der Grundlage von musikalischen Collagen - Gegenfüßen, Gänsefüßen, Clownsnasen -, cadavres exquis, traumhafter Ironie und befreiendem Nonsens. Diese explosiven Mischungen, die man in Ermangelung eines besseren Begriffs als seine "Aufführungen" bezeichnet, stellt er mit Hilfe einer je nach Bedarf variablen Gruppe von künstlerischen Mitarbeitern erster Güte zusammen: hier Martin Zeller, ein Virtuose auf der Viola da Gamba und dem Cello, und Valentine selbst. Wenige Monate vor der Uraufführung wäre es müßig, das Ergebnis ihrer (Neu-)Entdeckungen vorherzusagen. Man kann höchstens sagen, dass das Trio laut der Dramaturgin der Aufführung "ein immer wiederkehrendes globales Phänomen erforschen wird: die Lücke. Wie kommt sie zustande? Wo nistet sie sich ein? Keine Ahnung. [...] All das in allen Sprachen und in allen Registern. Und mit Musik. Zu welcher Musik? Keine Ahnung." Gemeinsames Projekt mit dem Théâtre Dijon Bourgogne.
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- Theater
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